Interviewpartner auswählen: Kriterien vor der Anfrage festlegen

Interviewpartner auswählen: Kriterien vor der Anfrage festlegen

Wähle Interviewpartner danach aus, welche Erfahrungen oder Kenntnisse sie zu deiner Forschungsfrage beitragen können. Schreibe vor den ersten Anfragen auf, wer für die Untersuchung infrage kommt, welche Unterschiede du gezielt berücksichtigen möchtest und wie du Zugang zu diesen Personen findest.

Die folgende Anleitung hilft dir, daraus eine begründete Auswahlnotiz für deinen eigenen Methodenteil zu entwickeln. Das Beispiel berufstätiger Studierender ist frei erfunden und zeigt einen möglichen Plan; es enthält keine tatsächlichen Interviews und ist keine allgemeine Vorgabe für jedes qualitative Design.

Das lernst du
  • Einschlusskriterien aus der benötigten Erfahrung ableiten.
  • Notwendige Merkmale von begründeten Kontrasten unterscheiden.
  • Auswahl, Zugangswege und spätere Änderungen nachvollziehbar dokumentieren.

Welche Erfahrung brauchst du für deine Forschungsfrage?

Gehe von der Frage aus: Was muss eine Person selbst erlebt haben oder wissen, damit ein Gespräch zur Untersuchung beitragen kann? Ein leicht verfügbarer Kontakt reicht als fachliche Begründung noch nicht aus.

Das CDC-Handbuch erläutert im Abschnitt zur qualitativen Fallauswahl, wie relevant erscheinende Erfahrungen oder Kenntnisse eine gezielte Auswahl begründen können. Es betont ausdrücklich benannte Eignungskriterien. Die Anleitung stammt aus der Feldepidemiologie; sie liefert hier eine methodische Orientierung und keine Hochschulregel.

Wenn deine Frage noch nicht ausreichend eingegrenzt ist, bearbeite zunächst den theoretischen Bezugsrahmen und die Passung des Forschungsansatzes. Kriterien können nur so gut begründet sein wie der Untersuchungszweck, auf den du sie beziehst.

Trenne Einschlusskriterien von begründeten Kontrasten

Einschlusskriterien legen fest, wer grundsätzlich zur Untersuchung passt. Kontrastmerkmale betreffen Unterschiede zwischen geeigneten Personen, die du für dein gewähltes Design bewusst einbeziehen möchtest. Sie beantworten verschiedene Fragen.

Das QUASUS-Methodenportal der Pädagogischen Hochschule Freiburg beschreibt begründete Kontraste als einen Weg zu einer informativen Auswahl. Es weist auch auf Grenzen vorab festgelegter Kriterien hin: Vorwissen kann relevante Perspektiven übersehen. Die Auswahl sollte daher zum konkreten Erkenntnisziel passen und nachvollziehbar dokumentiert werden. Maximale Variation ist keine Pflicht für jedes qualitative Vorhaben.

Verwende Merkmale wie Alter, Geschlecht oder Studienfach deshalb nicht allein, weil sie leicht in einer Tabelle stehen können. Frage bei jedem Merkmal, weshalb es für deine Forschungsfrage oder Auswahlstrategie relevant ist. Wenn du diese Begründung nicht geben kannst, ist eine zusätzliche Kategorie noch kein Qualitätsgewinn.

Fülle deine Kriterienmatrix am Beispiel aus

Fiktive Forschungsfrage: „Wie organisieren berufstätige Bachelorstudierende ihre Lernphasen während des Semesters?“ Der genaue Studienkontext und Zeitraum müssten im eigenen Projekt noch abgegrenzt werden.

Ein möglicher Entwurf für die Auswahlnotiz könnte so aussehen:

  • Einschluss: aktuell im abgegrenzten Bachelorstudienkontext eingeschrieben. Begründung: Die Frage bezieht sich auf diese Studienphase. Vor der Anfrage klärst du nur die für die Eignung nötige Angabe.
  • Einschluss: im untersuchten Zeitraum parallel berufstätig. Begründung: Der Zusammenhang von Erwerbsarbeit und Lernorganisation gehört zum Untersuchungsgegenstand. Was du mit „berufstätig“ meinst, musst du für den Plan passend definieren.
  • Einschluss: eigene Erfahrung mit Lernphasen in diesem Zeitraum. Begründung: Du möchtest konkrete Erfahrungen und Vorgehensweisen besprechen, keine bloßen Vermutungen über andere.
  • Möglicher Kontrast: planbare und wechselnde Arbeitszeiten. Begründung: Du vermutest aus deiner fachlichen Vorarbeit, dass unterschiedliche zeitliche Bedingungen für die Lernorganisation wichtig sein könnten. Das ist eine Planungsannahme, kein bereits festgestellter Befund.

Der Kontrast ist nur ein Beispiel. Wenn er zu deiner tatsächlichen Frage nicht passt, übernimm ihn nicht. Ebenso wenig ist damit festgelegt, wie viele Personen aus jeder möglichen Kombination benötigt werden. Die Zahl und Zusammenstellung der Fälle muss zum Design, zur Auswertung und zum verfügbaren Rahmen passen.

Fiktives Beispiel zur Lernplanung berufstätiger Bachelorstudierender: Forschungsfrage und relevante eigene Erfahrung klären, Ein- und Ausschluss begründen, gegebenenfalls planbare oder wechselnde Arbeitszeiten als Kontrast prüfen und den Zugangsweg dokumentieren. Weder Kontrast noch Interviewzahl sind allgemeine Vorgaben.
Eigenes Arbeitsraster für ein fiktives Interviewprojekt. Ein Kontrast wie planbare oder wechselnde Arbeitszeiten wird nur gewählt, wenn er zum Erkenntnisziel und Design passt; er ist keine Pflichtquote.

Ergänze in deiner eigenen Matrix vier Spalten: Kriterium – fachliche Begründung – angemessene Klärung – Zugangsweg. Halte ungeklärte Punkte als offen fest, statt scheinpräzise Merkmale oder Daten zu erfinden.

Wer vermittelt dir den Zugang zu den Personen?

Ein Unternehmen, eine Beratungsstelle oder eine Studienvertretung kann den Zugang erleichtern. Das bedeutet noch nicht, dass alle für deine Frage wichtigen Perspektiven erreicht werden. Im QUASUS-Beitrag wird auf die mögliche Auswahl durch solche vermittelnden Personen sowie auf die Begrenzung von Schneeballzugängen auf ähnliche Netzwerke hingewiesen.

Für das Beispiel könntest du deshalb folgende Fragen notieren: Werden nur besonders aktive Studierende angesprochen? Erreichen Anfragen auch Personen mit wechselnden Arbeitszeiten? Werden Vorschläge nach deinen Kriterien gemacht oder nach der persönlichen Einschätzung der vermittelnden Person?

Die Antworten sind zunächst Prüfaufträge. Behaupte nicht ohne Beleg, dass eine bestimmte Gruppe tatsächlich ausgeschlossen wurde. Dokumentiere den realen Zugangsweg, bekannte Lücken und unbekannte Reichweite. Kläre außerdem Freiwilligkeit, erforderliche Abstimmungen und den Umgang mit personenbezogenen Angaben nach den Regeln deiner Einrichtung.

Erkläre die Auswahl in deinem Methodenteil

Deine Auswahlnotiz sollte den Zusammenhang zwischen Frage und Fällen verständlich machen. Ein eigenes Formulierungsgerüst kann helfen:

„Für die Interviews wurden Personen gesucht, die [begründete Einschlusskriterien]. Diese Kriterien wurden gewählt, weil [Bezug zur Forschungsfrage]. Innerhalb dieses Rahmens sollte [begründeter Kontrast, sofern vorgesehen] berücksichtigt werden. Der Zugang erfolgte über [tatsächlicher Weg]. Dabei blieben [bekannte Grenzen oder ausdrücklich unbekannte Reichweite].“

Fülle die Stellen nur mit deinem tatsächlichen Vorgehen. Wenn du Kriterien später änderst, notiere Zeitpunkt und Grund sowie mögliche Folgen für die Interpretation. Schreibe einen gewünschten Auswahlplan nicht nachträglich als vollständig umgesetzt auf, wenn er es nicht war.

Check vor den ersten Anfragen

  1. Kann jede vorgesehene Person aufgrund eigener Erfahrung zur Frage beitragen?
  2. Sind notwendige Eignungskriterien und zusätzliche Kontraste getrennt?
  3. Kannst du die Relevanz jedes Merkmals fachlich erklären?
  4. Ist klar, wie Personen ausgewählt beziehungsweise vorgeschlagen werden?
  5. Hast du mögliche Lücken und noch offene Abstimmungen notiert?
  6. Passt die geplante Fallauswahl zu deiner Auswertungsmethode?

Erstelle daraus eine kurze eigene Begründung und besprich offene Entscheidungen mit deiner Betreuung. Eine allgemeine Regel wie „Es müssen immer zehn Interviews sein“ ersetzt diesen Plan nicht.

Wenn deine Auswahlbegründung bereits als eigener Methodentext vorliegt und du Rückmeldung zu ihrer Verständlichkeit möchtest, kannst du Expertenfeedback zu deinem eigenen Entwurf anfragen. Du entscheidest und überarbeitest selbst; Feedback ersetzt weder die Rekrutierung noch eine methodische Validierungsstudie oder die Freigaben deiner Hochschule. Prüfe Teilnehmerbedingungen, Verfügbarkeit und den Umfang deines gekauften Pakets; bereits enthaltene Unterstützung brauchst du nicht zusätzlich zu buchen.

Für einen praktischen Einblick in den Unterricht kannst du in der kostenlosen Kursvorschau den Ausschnitt „Interviews“ ansehen. Die Auswahl und Begründung deiner eigenen Interviewpartner bleibt ein gesonderter Schritt deiner Untersuchung.

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Autor

Karim Rabah, M.Eng., BA

Autor und Entwickler der 4-Stunden-Methode. Aus seiner Arbeit als Lektor entstand ein Kurs, der wissenschaftliche Arbeitsschritte am Beispiel zeigt. Hier findest du Anleitungen zum eigenen Umsetzen und zum verantwortlichen Einsatz von KI.

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